Brigitte:
Im Bereich der Sexualität kann ich schwer meine Gefühle und Wünsche mitteilen. Da habe ich ein so ganz anderes Verhalten und Verlangen, als Andreas. Ich fühle mich damit zerrissen und verwirrt – wie in einem Käfig eingesperrt. Durch mein gestörtes Verhalten zu mir selbst habe ich Andreas immer wieder in unseren intimen Begegnungen zurückgewiesen. Dabei kam es einmal zu einer heftigen Auseinandersetzung, wo ich sehr wütend wurde. Ich war wie gelähmt und habe mich zurückgezogen. Ich habe tagelang gezweifelt und das drückende Schweigen wurde so unerträglich, dass ich Andreas um ein Gespräch gebeten habe.
Ich erzählte ihm dabei, dass ich mich wie in einem fremden Körper fühle und dass ich darüber beschämt bin. Ich sagte auch, dass ich mich ihm oft lustlos hingebe und gleichzeitig eine tiefe Sehnsucht nach Geborgenheit spüre und dass die Angst, nicht zu genügen, mich immer wieder in unseren Begegnungen blockiert.
Dies zu erzählen war für mich eine große Überwindung. Im Anvertrauen meines Innersten habe ich mich Andreas gegenüber nackt und ohnmächtig erlebt. Über Andreas Reaktion war ich ganz erstaunt und sie hat mich tief berührt. Andreas hat mich an sich gedrückt und ich spürte seine liebevolle Zuneigung und ein wohlig erleichtertes Gefühl durchströmte meinen Körper.
Durch das Mitteilen meiner schweren Gefühle habe ich mich ganz fest mit Andreas verbunden gefühlt. Gleichzeitig erlebte ich durch meine Offenheit eine Chance, unsere intimen Begegnungen neu zu erleben.

Andreas:
Als wir letzthin, an einem freien Tag im Keller nur kurz etwas wegräumen wollten, sagte Brigitte zu mir: „Es stehen hier noch so viele Schischuhe am Boden!“ Ich habe, wie für mich üblich, kurz überlegt, und spontan angefangen ein Regal zu montiert.
Es kam zu einer heftigen Auseinandersetzung darüber mit Brigitte, dass wir nicht so viel Zeit im Keller verbringen wollten. Das machte mich frustriert und zornig. Mein Verhaltensmuster des angepassten und dadurch nach Lob und Anerkennung heischenden Andreas wurde mit ein paar Worten abgetan. Ich war mit meinem Verhalten gescheitert und in Frage gestellt. Ich verhielt mich wie ein wild gewordener Elefant im Porzellanladen unserer Beziehung und warf Brigitte Aussagen an den Kopf, die schon lange in mir aufgestaut waren.
In den Tagen danach konnte ich die entstandene Distanz zwischen uns kaum aushalten. Ich habe Brigitte, obwohl es mir sehr schwer gefallen ist, zu einem Dialog eingeladen. Ich habe ihr dabei anvertraut: „Es tut mir leid, dass ich so ausgerastet bin in meinem Zorn und wie wild um mich geschlagen habe. Ich war enttäuscht, dass ich als der hilfsbereite Andreas von dir abgelehnt wurde.“
Im Aussprechen meiner Ängste habe ich mich von Brigitte an- und ernstgenommen erlebt, was mir wiederum hilft, meinen Wert nicht nur auf Leistung aufzubauen. Ich konnte Brigitte in die Arme nehmen und in der Verbundenheit jene Fülle spüren, der ich so oft nachlaufe.
Aus dieser schwierigen Situation zu kommen, ist uns vor allem deshalb gelungen, weil wir durch ME ein Werkzeug in die Hand bekommen haben, das sich Dialog nennt.

Brigitte und Andreas