Die Verantwortlichen von Marriage Encounter Österrich – Gitti und Hans Priebsch aus Graz und Michael Kopp aus Klagenfurt – haben  der Zeitung „Der Sonntag“ nachfolgendes Interview zum päpstlichen Schreiben „Amoris laetitia“ gegeben:

 

Welche Freude haben Sie von Marriage Encounter mit „Amoris laetitia“?
Wir erleben „Amoris laetitia“ als große Wertschätzung für Paare und Familien. Franziskus weitet den Blick auf die Liebesbeziehung von Menschen im Sinne Jesu „Liebet einander, wie ich euch geliebt habe“, Joh. 15. Nicht mehr die Regeln sind im Zentrum sondern die in Verantwortung, gelebte bewusste Gewissensentscheidung, das was in unterschiedlichsten Bedrängnissen des Familienalltags zur Entfaltung hilft und heilt. Jeder Diskriminierung, sowohl von gleichgeschlechtlichen als auch von wieder verheirateten Beziehungen, wird eine Absage erteilt. Gleichzeitig wird Fruchtbarkeit und den Kindern Liebe schenken können als kostbares Geschenk betont.

Der Papst spricht ständig von „wachsen lassen“ und „begleiten“.
Trifft das auch auf Ihre Arbeit zu?

Voll und ganz: Kein vorbereitendes Eheseminar kann die ständige Reflexion von Erfahrungen in der Beziehung ersetzen, weil Paar-Sein und Familie ständig in Veränderungen sind. Deshalb bietet Marriage Encounter weiterbildende Seminare und Treffen in Kleingruppen in ganz Österreich an, in denen der Lebensalltag und veränderte Lebenssituationen reflektiert werden. Da dies sehr positiv als „Begleitung“ und „Bestärkung“ erlebt wird, um in der Beziehung zu wachsen, begrüßen wir die Vorschläge zur ehebegleitenden pastoralen Praxis in diesem Text.

Inwiefern ist das Schreiben eine Ermutigung für Ehepaare?
Es wird erstmals angedeutet, wie sehr die Kirche die Liebe der Ehepaare braucht, um Kirche zu leben. Der Blick auf die heutige Situation von Paaren ist nicht getrübt durch idealisierte Amtskirchenziele. Franziskus ermutigt zur gegenseitigen Annahme bei aller Unterschiedlichkeit, wie auch zur Freude, das zärtliche Miteinander zu genießen. Die Ermutigung zum intensiven Paargespräch (Franziskus nennt es Dialog) ist auch nach unserer Erfahrung bei Marriage Encounter die größte Hilfe für das Gelingen der Paarbeziehung.

Welche Rolle spielt das dem Papst so wichtige „Unterscheiden“?
Der Papst betont mehrmals die große Vielfalt von Lebenssituation, Freuden, Bedrängnissen und Nöten in Paarbeziehungen und Familien, deren generelle Beurteilung niemandem zusteht. So ist sein Appell zur Unterscheidung wahrer Ausdruck der gelebten Barmherzigkeit und der Ehrfurcht vor der Einzigartigkeit jeder Beziehung;  sie macht Heilung möglich.

Wie beurteilen Sie das schöne Kapitel 4 über das Hohelied der Liebe (1 Korinther 13)?
Franziskus macht erneut bewusst, wie intensiv in der Bibel die eheliche Liebe als Bild der Liebe Gottes zu den Menschen gezeichnet wird. Von dem oft als unerfüllbar erlebten Anforderungskatalog an die Liebe im Hohelied weitet Franziskus den Blick zum achtsamen und respektvollen Schauen auf mich selbst und den geliebten Menschen an meiner Seite. Das ermutigt uns, kleine und große Freuden im gelungenen Beziehungsalltag als Ausdruck göttlichen Wirkens in uns zu deuten.